II. Die verschiedenen Bauperioden der Stiftskirche, der Kreuzgänge und des Kapitelhauses

Juni 2, 2011 No Comments »
II. Die verschiedenen Bauperioden der Stiftskirche, der Kreuzgänge und des Kapitelhauses

Die Baumeister des Mittelalters, welche unter dem schlichten Namen „lapicidae magistri operis“ weniger zum eigenen Ruhm als vielmehr zur Ehre des Höchsten ihre monumentalen Bauwerke errichteten, unterliessen es meistens, ihre Namen dem Bauwerk beizufügen. In Frankreich, wo Baugenossenschaften und Innungen im Mittelalter im Lande umherzogen und sich häufig unter der kundigen Führung eines Mönches oder Laienbruders da niederliessen, wo es ein neues Gotteshaus zu erbauen gab, nannte man diese schlichten Bauleute „les logeurs du bon Dieu“, – die Quartiermacher des lieben Herrgottes.

Wie bei den meisten deutschen und französischen Kirchbauten der romanischen und frühgothischen Periode vermisst man auch bei der Kyllburger Stiftskirche den Namen des Erbauers. Wie eine Sage berichtet, soll der Bauriss und die Ausführung der ursprünglichen Anlage, nämlich Chorhaube und die zunächst liegenden beiden Gewölbjoche des Schiffes, von dem Cisterzienser-Mönche Heinrich herrühren. Ob dieser Heinrich als Mönch oder als frater laicus vielleicht der nahen Cisterzienser-Abtei Himerode, wie vermuthet wird, angehört habe, muss bei dem Fehlen archivalischer Nachrichten dahingestellt bleiben. Betrachtet man genauer die zierlichen und schlanken Detailformen des Chores, sowie des ältesten Bauteiles, des Mittelschiffs, so dürfte die Annahme begründet erscheinen, dass der Grund- und Aufriss der alten Stiftskirche, desgleichen auch die Ausführung von einem Meister herrühre, der als geübter und formkundiger Parlier vielleicht der Kölner Bauhütte am Ausgange des 13. Jahrhunderts angehört habe. Auffallender Weise stimmen nämlich die charakteristischen, im Dreipass gestalteten Bekrönungen der lanzetförmig gebildeten Chorfenster mit Einschluss der zwei breit angelegten, anschliessenden Fensterstellungen des Langschiffes, desgleichen das tief profilirte Rippenwerk der Wölbungen mit Einbegriff der Schlusssteine, ebenso die reich gegliederten Pfeilerbündel, welche die Kreuzgewölbe tragen, mit jenen verwandten Formen, wie sie sich stellenweise am Kölner Dome vorfinden, ziemlich genau überein; dieselbe Uebereinstimmung der Einzelformen zeigt sich auch an der fast gleichzeitig erbauten Minoritenkirche in Köln, an der Chorhalle der St. Ursula-Kirche daselbst, an dem Chorbau der Pfarrkirche von Siegburg, desgleichen an dem von M.-Gladbach und an der Sakristei von St. Gereon zu Köln.

Bei vielen Stifts- und Abteikirchen des Mittelalters nahm die Bauperiode einen längern Zeitraum in Anspruch, und nur bei wenigen monumentalen kirchlichen Bauwerken wurden Chor, Langschiff und Thurm in kurzer Aufeinanderfolge von einem und demselben Baumeister fertig gestellt. Dasselbe gilt auch von der Anlage und Vollendung der alten Kyllburger Stiftskirche. Bei aufmerksamer Betrachtung der verschiedenen Bautheile bemerkt auch schon ein weniger kundiger Beobachter, dass unsere Liebfrauenkirche aus drei der Zeit nach verschiedenen Ballperioden bestehen dürfte. Dieselben reichen nach unserm Dafürhalten vom Schlüsse des 13. bis zum Beginn des 16. Jahrhunderts. Die ursprüngliche Gründung der Kirche fällt in das letzte Viertel des 13. Jahrhunderts, wie eine allerdings wenig begründete Lapidarinschrift des 16. Jahrhunderts meldet, welche sich an dem linken Pfeiler unter dem Triumphbogen des Chores da befindet, wo der Auftritt in denselben beginnt. Diese Inschrift in Kleinbuchstaben lautet: Ad gloriam Dei omnipotentis et in honorem B. V. matris suae omniumque ss. virginum hujus ecciesiae constructio per Rss. D. D. Henricum archiepiscopum Trevirens. ejusdemque illustre capitulum incepta est anno 1276 8. Mai.
Zu Deutsch: Zur Verherrlichung Gottes des Allmächtigen und zu Ehren der allerseligsten Jungfrau und Gottesgebärerin Maria und aller hh. Jungfrauen wurde der Bau dieser Kirche begonnen durch den Hochwürdigsten Herrn Erzbischof Heinrich von Trier und durch das hochangesehene Kapitel desselben im Jahre 1276 den 8. Mai.

Die Annahme dürfte Beifall finden, dass noch vor Schluss des 13. Jahrhunderts der engere Chor, desgleichen auch die beiden nächsten Gewölbjoche nebst den dazu gehörigen zwei Fensterstellungen auf beiden Seiten des Langschiffes vollendet worden seien.

Da das Marienstift anfangs nicht besonders reich begütert war, wie aus dem Vorhergehenden erhellt, nimmt es den Anschein, dass vielleicht aus Mangel an Mitteln der Weiterbau eingestellt wurde: der Stiftsgottesdienst dürfte, nach Aufführung einer abschliessenden westlichen Sperrwand, in diesem ersten hoch und kühn aufgeführten Bautheil abgehalten worden sein, gleichwie auch bekanntlich am Kölner Dom Jahrhunderte hindurch der Chor durch eine solche Sperrwand abgeschlossen gewesen ist. Zur Begründung dieser Annahme sei hingewiesen auf die auf dem Titel unter Fig. 1 in natürlicher Grösse veranschaulichte Abbildung des alten Kyllburger Stadtwappens aus der Mitte des 14. Jahrhunderts, welches den eben bezeichneten älteren Bautheil der Kirche mit einem einfachen Dachreiter und einem westlichen Abschlussgiebel nebst einer grossen Eingangsthür wiedergiebt.

Taf. II. Fig. 3
Nordseite des Chores und Langschiffes.

Es fehlen heute noch alle nähern Angaben und Dokumente, wann und durch welche Mittel der zweite Bautheil, nämlich das Langschiff einschliesslich der Westfacade, vollendet worden ist. Dass diese zweite Bauperiode erst gegen Schluss des 14. Jahrhunderts eingetreten sein dürfte, dazu dienen als Belege die Fensterbekrönungen und das ungegliederte Stabwerk der schmalen Fenster, die sich am untern Schiff der Kirche nach dem Thurm hin befinden. Auch das Baumaterial stellt sich als ein durchaus verschiedenes am Chor und dem obern Schiffe in Gegensatz zu dem am untern Schiffe verwandten dar. An der äussern Abschlussmauer des altern Chorbaues ersieht man deutlich Bruchsteinmauerwerk, das mit einer Mörtelschicht zum Schütze gegen die Witterung versehen ist. Nur die Widerlagspfeiler am Chorbau sind in massiven Quadern von rothem Sandstein aufgeführt. Der untere Theil des Schiffes nach Westen hin ist jedoch mit Vermeidung von Bruchsteinen durchaus mit wohlgefügten Quadern jenes dauerhaften Sandsteines in dunkelrother Färbung erbaut, wie in so vortrefflicher Qualität das Kyllthal ihn liefert.

In die zweite Periode dürfte auch die Errichtung der beiden Seitenchörchen fallen, die das Schiff der Kirche auf beiden Seiten kapellenförmig erweitern. Dieselben Maasswerkformen in ziemlich derber Skulptur, wie sie am untern Schiff sich bemerklich machen, kommen auch am gradlinigen Abschluss der beiden Chörchen gleichmässig zur Geltung.

Die dritte und letzte Bauperiode, der obere Aufbau des Thurmes nämlich, der den Westgiebel nach Norden flankirt, (vgl. Taf. II, Fig. 3) gehört bereits dem Ausgange der Spitzbogenkunst, nämlich dem Beginn des ersten Viertels des 16. Jahrhunderts an. Zur Stütze dieser Annahme sei hingewiesen auf das technisch vollendete Mauerwerk und die korrekte Fügung der grossen Quadern, aus welchen, nach unseren Vermuthung, die Steinmetzzunft des Kyllthales diese letzten Bautheile der Stiftskirche errichtet hat. Am deutlichsten markirt sich diese letzte Bauperiode durch das ärmliche Stabwerk ohne Bekrönung der Fenster in den obern Geschossen dieses Thurmbaues, Fensterformen, wie sie am Rhein und seinen Nebenströmen das Erlöschen und den Niedergang der Gothik kennzeichnen.

Bei Feststellung der verschiedenen Bauperioden der Kyllburger Stiftskirche sei noch darauf hingewiesen, dass nach Vollendung und dem Ausbau des ganzen Mittelschiffes auch die Errichtung eines kapellenförmigen Anbaues anzusetzen ist mit vier Kreuzgewölben, die von einer Rundsäule getragen werden, in welche die Gewölbrippen ohne Kapitelle verlaufen. Heute dient dieser zierlich gewölbte quadratische Anbau zu einer zweiten geräumigen Sakristei.
Vgl. den Grundriss der ehemaligen Kapelle im Anhang unter lit. D, desgleichen die perspektivische Innenansicht derselben auf Taf. VII, Fig. 8

Da im Mittelalter die Räume hinter dem Choraltar meist in Weise unserer heutigen Sakristeien zum Anlegen und zur Aufbewahrung der liturgischen Ornate benutzt wurden, da ferner in dem ebengedachten kapellenartigen Anbau unter einem grossen zweitheiligen Fenster sich ein auf vier Steinsockeln ausgekragter Altartisch in primitiver Form erhalten hat, so dürfte die Annahme begründet sein, dass dieser quadratische Hallenbau ursprünglich als Nebenkapelle gedient habe, in welcher vielleicht bei kalter Winterzeit der Stiftsgottesdienst verrichtet werden konnte, und welche zu gleicher Zeit auch zur Abhaltung der Kapitelsitzungen benutzt worden sein dürfte. Nach Errichtung dieser ehemaligen Kapelle, über deren Wölbung sich früher die „Gerkammer“, nach anderer Meinung die alte Bücherei, befand, scheint etwa am Anfange des 15. Jahrhunderts der An- und Ausbau der heute noch erhaltenen ausgedehnten Stiftsgebäulichkeiten mit dem gemeinsamen Speisesaal, dem „Remter“, stattgefunden zu haben.

Wie die an der Fassade befindlichen gothischen Doppelfenster von eigenthümlicher Bildung, desgleichen auch der hoch aufgethürmte Kamin mit Rauchfang, sowie auch die Profilirungen der Fensterlaibungen beweisen, ist dieser merkwürdige Gebäudekomplex, wie schon angedeutet, erst am Anfange des 15. Jahrhunderts errichtet worden; derselbe zeigt auffallende Ärmlichkeit mit den formverwandten Fensterstellungen und architektonischen Einrichtungen des Einganges zum Claustrum an der Ostseite des Trierer Domes, desgleichen mit den Fensterformen von alten Trierer Wohnhäusern ans derselben Bauperiode.

Leider befindet sich heute dieser hochinteressante Bautheil, zu dem in rheinischen Landen kaum noch formverwandte Parallelen sich vorfinden, in einem grossen baulichen Unstand – vergleiche Abbildung Tafel X, Figur 11 – in welchen nicht nur die Unbilden der Witterung, sondern mehr noch der Unverstand der letzten Generationen denselben versetzt haben. Auffallend muss es erscheinen, dass, während ans der Privatschatulle unseres jetzt regierenden allergnädigsten Kaisers Wilhelm II. und mit den Mitteln der Rheinischen Provinzialverwaltung in anerkennnngswerther Weise die unmittelbar an dieses Kapitelhaus anstossenden Kreuzgänge – quadrum – vor drei Jahren stilgemäss wiederhergestellt wurden, man bis heute ganz davon abgesehen hat, die so dringende Restauration auch dem eben gedachten Kapitelhause angedeihen zu lassen.

An diese in arger baulicher Entstellung befindlichen Stiftsgebäulichkeiten schliesst sich an der Bau des Quadrum, – der Kreuzgänge – der den direkten Eintritt in das Kapitelhaus, desgleichen auch in den Hochchor vermittelt. Auch nach Westen und Osten hin führen von den später errichteten Curien der Stiftsherren Einlassthüren in diese Kreuzgänge. Hinsichtlich der Zeitfolge dürfte man nicht fehl gehen, wenn man die Errichtung dieser Kreuz- oder Umgänge in die erste Hälfte des 15. Jahrhunderts versetzt, unmittelbar nachdem der spätere Ausbau des Schiffes nach Westen hin erfolgt war.

Leave A Response

You must be logged in to post a comment.