III. Der innere und äussere Bau der Kirche

Juni 2, 2011 No Comments »

Taf. III. Fig. 4
Innere Ansicht des Chores und des Langschiffes

Wie aus dem im Anhange angehefteten Grundriss ersichtlich ist, stellt sich unsere Kirche als eine einschiffige Hallenkirche dar, ohne Kreuz- und Nebenschiffe. Die Chorhaube schliesst in den fünf Seiten eines Achteckes ab. Die Wölbung des Chores liegt tiefer als die hochstrebende Wölbung des Mittelschiffes, welche im Lichten 17,50 Meter misst. Vgl. Taf. III. Da, wo der Triumphbogen des Chores beginnt, zeigt die Chorwölbung nur eine Höhe von 14,50 Meter. Das Langschiff setzt sich durch 5 Gewölbjochen zusammen, die von Kreuzgewölben geschlossen werden. Die energisch protilirten Gurtbögen, welche die Gewölbkappen aufnehmen, werden von einfachen Kapitellen getragen, die auffallender Weise glatt und ohne den üblichen Blätterschmuck, architektonisch ärmlich, gestaltet sind. Das harte, schwer zu verarbeitende Material des Rothsandsteines veranlasste wahrscheinlich die Steinmetzen, von einer reichen Ausbildung- und ornamentalen Entwickelung der Kapitelle Abstand zu nehmen. Diese schmucklosen Säulenhälse ruhen auf schlanken Pfeilerbündeln, wie solche in dieser reichen Gliederung an den Kirchen der früh entwickelten Gothik in den Rheinlanden häufiger vorkommen. Die Sockel, auf welchen diese Pfeilerbündel aufsitzen, sind polygon gestaltet ohne weitere Verzierung. Um den Seitenschub der kühnen und hochstrebenden Wölbung wirksam aufzufangen, hat der Baumeister nach aussen starke Widerlagspfeiler in Quadersteinen angebracht, die sich gleichmässig am Chorkopf und dem Langschiff auf beiden Seiten hin fortsetzen.

Was nun die Fensterstellungen des kühn angelegten Bauwerkes betrifft, so ist darauf hinzuweisen, dass die Fenster des Chores, desgleichen auch die beiden dem Chore zunächst liegenden grossen Fensteröffnungen des Schiffes, sämmtlich der ersten Bauperiode angehörend, reich gegliederte Maasswerkformen zeigen, wie solche für die entwickelte Gothik am Schlusse des 13. Jahrhunderts charakteristisch sind. Die beiden grossen Spitzbogenfenster des Schiffes sind durch zwei Stäbe in drei Felder getheilt, während die spitz, fast lanzetförmig ausmündenden Fenster des Chores durch je einen Stab in zwei Felder getheilt sind. Die Fensterbekrönungen im Langschiff sind aus je drei verbundenen Dreipässen konstuirt, die feine, schön gegliederte Profile zeigen. Vgl. die nördliche Ansicht der Kirche auf Tafel II und die östliche Ansicht der Chorhaube nebst den Fenstern auf Tafel X, Fig. 11.

Auf eine Eigenthümlichkeit, die sonst kaum anderswo anzutreffen ist, sei hier hingewiesen, nämlich auf das Vorkommen von charakteristischen Ornamenten in Form von menschlichen Köpfen, die, fast als Karikaturen, die Hohlkehlen in der Spitze der Fenster ausfüllen. Da diese Köpfe nicht nur im Aeussern, sondern auch im Innern, jedesmal im Schlussstein der grossen Spitzbogenfenster vorkommen, aus denen immer wieder stilisirte Pflanzen hervorwachsen, so mag es vorläufig hier unentschieden sein, ob den originellen phantastischen Sculpturen etwa eine lokale Bedeutung beizumessen, oder ob dieselben nur als Spiel der Phantasie der damals im Kyllthal bereits ausgebreiteten Steinmetzenzunft aufzufassen seien.

Nach Vollendung der Choranlage und Herstellung der beiden nächstliegenden Gewölbsysteme nebst ihren Fensterstellungen, was für die damalige finanzielle Lage des neugegründeten Stifts als eine nicht unbedeutende Leistung zu betrachten war, dürfte eine längere Unterbrechung in dem projektirten Weiterbau der neuen Stiftskirche eingetreten sein, indem eine Abschlussmauer, wie eingangs bereits gesagt, der Stiftskirche ein ziemlich fertiges Aeussere ertheilte, dem auch noch ein Dachreiter, als provisorischer Abschluss des Ganzen, hinzugefügt wurde. Dass diese Bekrönung des primitiven Bauwerkes durch einen kleinen Thurmaufsatz stattgefunden hat, beweist deutlich der dem Titelblatt unter Figur 2 beigefügte Abdruck des grossen Stadtsiegels, das den Anfangs des 14. Jahrhunderts vollendeten Haupttheil der Kyllburger Stiftskirche ziemlich deutlich veranschaulicht, wie derselbe etwa damals schon ausgesehen haben mag, als Kyllburg, vielleicht nach Vollendung seines Mauerringes, vom Trierer Kur- und Landesfürsten Stadtrechte erhielt.

Nachdem der Besitzstand des Marienstiftes durch Schenkungen und Vermächtnisse und durch kluge Verwaltung im 14. Jahrhundert sich gemehrt hatte, fand ein weiterer Ausbau und die Vollendung des Langschiffes durch Hinzufügung von drei weiteren Gewölbsystemen statt. Dass dieser Weiterbau gegen Schluss des 14. Jahrhunderts ausgeführt worden ist, bezeugt auch das veränderte Bausystem, das sich sowohl im Aeussern als auch mehr noch im Innern dadurch deutlich ankündigt, dass ein quadratisch laufendes Gesims über den gedoppelten Eingangsthüren sielt erhebt, dessen Anlage und Bedeutung heute schwerlich zu deuten sein dürfte, zumal auch im Innern neben der Eingangsthür sich ein bis dahin unerklärlicher Ansatz eines reichornamentirten Sockels befindet, dessen Blattwerk mit dem Blätterschmuck durchaus übereinstimmt, der im Aeussern an der grossen Konsole zum Vorschein tritt, auf welcher sich das lebensgrosse Standbild der Madonna erhebt.

Um den neuen Anbau des verlängerten Schiffes mit den gegebenen Bauformen des altern Theils wenigstens im Innern in Einklang zu setzen, hat der kundige Werkmeister, dem der Anbau des um 3 Gewölbejoche verlängerten Kirchenschiffes übertragen war, es nicht unterlassen, in dem Neubau genau die Formen der Gewölbrippen, der Schlusssteine und der tragenden Pfeilerbündel wiederzugeben, wie sich solche an den altern Bautheilen vorfinden. Nur die hohen Sockel, auf welchen die schlanken Pfeilerbündel, die Träger der Kreuzgurten der Gewölbe, aufsitzen, zeigen eine veränderte Konstruktion und Anlage, die von der älteren frühgothischen Form und Beschaffenheit der Basen und Sockel in dem altern Chor- und Langschiffbau bedeutend abweicht. Nach aussen hin ist dieser Meister jedoch selbstständiger verfahren; er hat nämlich nach Norden zwei sehr schmale Fensterstellungen angebracht, deren Maasswerkformen einfach, fast ärmlich, im Stabwerk und den Bekrönungen gestaltet sind, wie solche Fensterformen am Schluss des 14. und Anfang des 15. Jahrhunderts an deutschen Stifts- und Pfarrkirchen häufiger vorkommen. Nach der Südseite, wo die Kreuzgänge angebaut sind, fehlen Fensterstellungen, und so erblickt man hier auffallender Weise glatte Wandflächen. Auch die Widerlagspfeiler an der Süd- wie an der Nordseite sind weniger gegliedert und einfacher gestaltet im Gegensatz zu den Widerlagspfeilern am Chorkopf und zwischen den beiden grossen Fenstern des Langschiffes. Die Widerlager dieser letzten sind mit kleinen Ziergiebeln abgedacht die auf beiden Seiten durch stilisirtes Blätterwerk, in Form von Krabben, ornamentirt sind, im Gegensatz zu den einfach und glatt gehaltenen Abdachungsgiebeln auf beiden Seiten des untern Langschiffes. Wie an den meisten Chorbauten bis zum Ausgange des 14. Jahrhunderts fehlten auch an der Chorapsis und den beiden Widerlagspfeilern des Langschiffes der Kyllburger Stiftskirche nicht jene charakteristischen Wasserspeier in Form von phantastischen Thierunholden, von welchen einige noch theilweise erhalten sind. Reicher ausgestattet als die Südseite des Langschiffes ist die gleichzeitig erbaute Westfassade. Ueberschaut man die architektonische Anlage und die Gliederung der Details an der Westfronte der streng nach Osten gerichteten Kirche, so ergibt sich schon bei oberflächlicher Besichtigung der Einzelformen, dass diese Giebelwand nebst dem an der äussersten Nordwestecke derselben befindlichen Treppenthürmchen der zweiten Bauperiode, nämlich dem Ausbau des untern Langschiffes angehört. Diese Westfassade
Vgl. Die Abbildung der westlichen Giebelfronte auf Tafel IV

welche eine Höhe von 28,50 Meter und eine grösste Breite von 15,55 Meter aufzuweisen hat, mündet in einen einfachen, glatten Spitzgiebel aus, der von einem primitiven, wenig verzierten Kreuz in Stein abgeschlossen ist. Ueber einer untern Schräge erhebt sich in der Mitte der Westfronte ein 7,80 Meter hohes und 2,87 Meter breites Fenster, das durch eine starke Mittelsprosse in zwei kleinere Hälften getheilt wird. Diese beiden Hälften werden ihrerseits wiederum durch je einen kleinern Stab halbirt, so dass diese grosse Fensterspannung der Westfronte in vier gleiche Theile zerlegt wird.

Die Bekrönnug der beiden Fensterhälften besteht aus je einem Dreipass, der von je einem Spitzbogen abgeschlossen wird.
Vgl. Die Abbildung auf Tafel IV, Figur 5.

Ueber diesen Spitzbogen windet sich in grossem Kreise eine fünfblätterige Rose, eine Fensterbekrönung, wie solche am Schlüsse des 13., seltener aber am Schlüsse des 14. Jahrhunderts an rheinischen Kirchenbauten vorkommt. Einen reichern architektonischen Schmuck erblickt man über der Haupteingangsthür nach Westen, die eine Spannung im Lichten von 2,34 Meter bei einer Höhe von 7,80 Meter aufweist. lieber dem gradlinigen, stark profilirten Thürsturz wölbt sich ein Spitzbogen in einer Höhe von 5,40 Meter, der durch Maasswerkformen einer achtblätterigen Rose ausgefüllt wird. Die halbirten Blätter dieser grössern Rose umfassen eine andere zierliche, ebenfalls achtblätterige Rosenbildung. Die Zwickel der grossen Rose werden durch je einen Kreis mit je einem Dreipass ausgefüllt. Diese Maasswerkverzierung über dem Thürsturz findet sich unseres Wissens seltener an Kirchen des Rheinlandes.

Taf. IV. Fig. 5
Westfassade mit dem nachträglich eingesetzten Hauptportal.

Ueberschaut man die glatte Giebelwand nach Westen,Vgl. Taf. IV, Figur 5. so fällt dem Mann vom Fach insbesondere der nachlässig behandelte Stein- und Fugenschnitt derselben auf, der nach den heutigen Gesetzen sehr unregelmässig gebildet und eingetheilt ist. Deswegen stellte ein ausgezeichneter Kenner mittelalterlicher Architekturen, Herr Baurath Brauweiler ans Trier, nach genauer Untersuchung der Bauformen des Westportals die nicht kühne Behauptung auf, dass sowohl der Thürsturz mit den darüber befindlichen Maasswerkformen, desgleichen mit Einschluss der flankirenden, ziemlich unbeholfen skulptirten Fialen und Widerlagen einer ganz späten Bauperiode angehörten und erst nachträglich in die westliche Giebelwand in nachlässig construktiver Weise eingesetzt worden seien, zu einer Zeit, in welcher es wenig geübte Steinmetzen versucht hätten, ohne Verständniss der überlieferten Stilformen und selbst auch ohne Kenntniss der Technik gothische Formen zu imitiren. Auffallender Weise spielen an den beiden vorspringenden Thürpfosten dieses Portals, unmittelbar unter den ausmündenden Fialen, wiederum jene grotesken Köpfe von Mann und Frau, aus deren Mundöffnungen ausgestreckte Zungen mit Blattwerk hervorlangen, eine auffallende Rolle, wie solche wenig ästhetische Gesichtsfratzen auch in den Spitzbogen der Fenster an Chor und Schiff,Vgl. das oben Gesagte desgleichen auch über den Thüren einzelner Kyllburger Privathäuser des 17. und 18. Jahrhunderts immer wieder ersichtlich sind.

Betrachtet man aufmerksamer das Material der grossen Quadersteine, aus welchen diese Westfronte mit dem unmittelbar nach Norden ziemlich unorganisch angebauten Thurm besteht, so muss gesagt werden, dass dieses Baumaterial des rothen Sandsteines aus den Kyllburger Thälern sich als ein durchaus wetterfestes im Laufe von fast fünf Jahrhunderten erwiesen hat. Dasselbe ist nämlich heute noch glatt und ohne Abblätterung und Verwitterung vollständig“ intakt erhalten, obschon die Westseite der Kirche den Stürmen und Unbilden der Witterung schutzlos ausgesetzt ist. Dieses treffliche Material, desgleichen auch die Quadersteine von rothem Sandstein, aus welchen der nebenan befindliche kolossale Wachtthurm – Bergfrit – des ehemaligen Schlosses erbaut ist, darf als Beweis von der Vortrefflichkeit des fast unverwüstlichen Sandsteines betrachtet werden, der sich im ganzen untern Kyllthale von Densborn bis Cordel findet und der heilte in ganz Deutschland unter dem Namen „Kyllburger Stein“ seiner grossen Harte und Dauerhaftigkeit wegen nicht nur als Mühl- und Schleifstein verarbeitet, sondern auch als kleidsames Baumaterial in rother und graugrünlicher Farbe zu monumentalen Bauten allenthalben verwandt wird.

Nach dem erfolgten Ausbau der stattlichen Westfronte, die nach der Nordseite mit einem in den sechs Seiten eines Achteckes angegliederten Treppenthürmchen versehen ist, um den Auftritt zum Gewölbe zu vermitteln, scheint das Bedürfniss vorgewaltet zu haben, einen selbstständigen Thurmbau an der Westseite nach Norden hin anzufügen, um auf diese Weise Kaum für Anbringung eines grössern Geläutes zu gewinnen und durch einen solchen massiven Thurmbau auf Bergeshöhe der erweiterten Stiftskirche ein stattlicheres Aussehen zu verschaffen.

Dieser Ausbau des Thurmes kennzeichnet, wie bereits bemerkt, deutlich die letzte Bauperiode der Kyllburger Stiftskirche, die, nach den Fensterformen der beiden letzten Geschosse zu urtheilen, erst im Beginn des 16. Jahrhunderts erfolgt sein durfte. Das Sprossenwerk der engen Fenster dieses Thurmes, der auf massiver, quadratischer Grundlage nicht nach oben im Sechseck sich verjüngt, sondern ungebrochen im Viereck weiter aufsteigt, zeigt nicht eine zierliche Bekrönung des Stabwerkes, sondern wird höchst dürftig nur von zwei Bogenstellungen unter einem grössern Spitzbogen formirt, ein Sprossenwerk, wie es an den Kirchen des Rheines und der Mosel den Niedergang und das Aufhören der mehr als vierhundertjährigen Spitzbogenkunst, der sogenannten Gothik, hinlänglich kennzeichnet. Ob es bei dem massiven Unterbau der Thurmanlage beabsichtigt war, den Oberbau noch um ein Geschoss, wie es den Anschein nehmen will, zu erhöhen, mag hier nicht weiter untersucht werden. Die heutige Bedachung der Thurmanlage mit einem zu kurz gedrungenen Steinhelm ist erst im Jahre 1863 erneuert und mit einer hochstrebenden Kreuzblume in Stein abgeschlossen und bekrönt worden.

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