IV. Die Kreuzgänge

Juni 2, 2011 No Comments »
IV. Die Kreuzgänge

Bei der allgemeinen Besprechung der verschiedenen Bautheile der von der Kunst- und Alterthumswissenschaft auffallender Weise seither wenig beachteten ehemaligen Stiftskirche „Unserer Lieben Frau zu Kyllburg“ erübrigt es noch, auf zwei hervorragende Bautheile eingehender hinzuweisen, wie sie in Trierer Landen heute nur selten noch sich vorfinden. Es sind dies die Kreuzgänge, die nach der Südseite an die Kirche angelagert sind, und ferner die ausgedehnten Stiftsgebäulichkeiten mit der Sakristei und dem ehemaligen Refektorium der Kanoniker. Glücklicherweise hat die Kyllburger Stiftskirche mit ihren vielen architektonisch merkwürdigen Anbauten sowohl in den unheilvollen Schwedenkriegen, als auch bei den Raubzügen Ludwigs XIV. verhältnissmässig wenig zu leiden gehabt; selbst bis zur Auflösung des Stifts am Anfang dieses Jahrhunderts hatten sich die Kreuzgänge, desgleichen auch das Kapitelhaus ziemlich intakt erhalten. Nachdem jedoch, nach Aufhebung des alten Marien-Stiftes, das von Nah und Fern früher so sehr besuchte Gotteshaus schutzlos und gleichsam vogelfrei geworden und bis in die dreissiger Jahre dem Kultus entzogen war, traten besonders für die Anbauten der Kirche, die Kreuzgänge und die Kapitelsgebäulichkeiten, traurige Zeiten ein, indem nicht nur die Unbilden der Witterung, sondern mehr noch der Unverstand und die Theilnahmlosigkeit der Menschen den stattlichen Kreuzgang und das Kapitelhaus in einen kaum glaublichen ruinösen Zustand versinken liessen. Als nun in den dreissiger Jahren der Pfarrgottesdienst in die lang verwaiste und im Innern nur nothdürftig wiederhergestellte Stiftskirche wiederum übertragen wurde, setzte sich, bei dem theilweisen Fehlen des Daches an den Kreuzgängen, noch bis in unsere Tage das Zerstörungswerk durch den Einfluss der Witterung ungehindert fort. So ist es denn gekommen, dass das schöne Quadrum noch bis vor wenigen Jahren Fremden und Einheimischen ein Bild arger Zerstörung und Verwüstung darbot.

Glücklicherweise aber wurden Ende der achtziger Jahre durch den jetzigen hochverdienten Pfarrer von Kyllburg, Definitor Christ. Müller, die Wege angebahnt, dass dem gänzlichen Verfalle der Kreuzgänge vorgebeugt wurde. Es wurden nämlich durch den eben gedachten Pfarrer, unter Beihilfe des damaligen Landtagsabgeordneten Ed. Nels von Prüm, in seiner Eigenschaft als Mitglied des rheinischen Provinzial-Landtages, Schritte eingeleitet, um von den hohen Provinziallandständen die Mittel zur Wiederherstellung des den völligen Untergang drohenden Bauwerkes zu erlangen. Dem grossen Interesse der rheinischen Landstände für die Erhaltung der monumentalen Bauwerke ist es zu verdanken, dass in der 33. Plenarsitzung vom 17. Februar 1888 in entgegenkommender Weise die Mittel im Betrage von 9000 M. bewilligt wurden, um das bauschöne Quadrum der ehemaligen Stiftskirche vor gänzlichem Einsturz zu bewahren. Aber erst durch ein huldvolles Gnadengeschenk von 4500 Mark aus der Privatschatulle Seiner Majestät unseres allergnädigsten Königs und Kaisers Wilhelm II., ertheilt durch Kabinetsordre vom 19. Februar 1890, wurde es möglich, die Wiederherstellung der Kreuzgänge in ihrer Ganzheit zu beginnen und durchzuführen. Bereits im Jahre 1890 konnten die Vorarbeiten zur Wiederherstellung des umfangreichen Bauwerkes ihren Anfang nehmen: dieselben wurden unter Oberleitung des kürzlich verstorbenen Regierungs- und Bauraths Heldberg zu Trier begonnen und durchgeführt. Die Baupläne und Kostenanschläge sind von dem jetzigen Dombaumeister Wirtz in Trier entworfen und ist, die technische Ausführung dein Maurermeister Jakob Kronibus aus Kyllburg übertragen worden mit der Bestimmung, dass sämmtliche Wiederherstellungsarbeiten aus dem Kyllburger rothen Sandstein entnommen würden, aus welchem auch die alte Stiftskirche mit ihren sämmtlichen Anbauten errichtet worden sei. Die Restaurationsarbeiten wurden dadurch nicht wenig gefördert, dass auf dem Stiftsberge, nicht weit von der Kirche, ein alter Steinbruch wieder eröffnet werden konnte, aus welchem vor mehreren Jahrhunderten das alte Baumaterial entnommen worden war. Aus demselben Steinbruch ist auch wieder das unverwüstliche Material hervorgeholt worden, mit welchem die Wiederherstellung und der Ausbau des alten Kreuzganges vollendet wurde. So ist es ermöglicht worden, dass bei angestrengter Arbeit des Maurermeisters mit den wackern Kyllburger Gesellen die nicht leichten Wiederherstellungsarbeiten schon im Herbste 1892 zur Zufriedenheit der Bauleitung vollendet werden konnten. Heute stellt nun der wieder verjüngte Kreuzgang in seiner ursprünglichen Schönheit und Reinheit der Formen da, als ein Unikum der Eifellande; die alte Stiftskirche mit ihren kunstgeschichtlichen Anbauten in dem anmuthigen Kyllburg ist ein anziehender Sammelpunkt geworden für Touristen, Alterthumsfreunde und Kunstkenner von Nah und Fern.

Unter Hinweis auf den Grundriss des Quadrum im Anhange und die perspektivische Wiedergabe des Aeussern, auf Tafel V, Fig. 6, und des Innern, Tafel VI, Fig. 7, werden wenige Worte genügen, um auch Fernstehenden die, Ausdehnung und Beschaffenheit der Kyllburger wiederhergestellten Kreuzgänge anschaulich zu machen.

Bei Errichtung von Stifts- und Klosterkirchen wurde im Mittelalter immer auf Anlage von Kreuzgängen Bedacht genommen, welche nicht, nur liturgischen Zwecken dienten, sondern die auch als Begräbnissstätten und als Wandelgänge die Verbindung der Kirche mit den Wohnungen der Geistlichkeit herstellten. Obgleich in Folge der Aufhebung von Jahrhunderte hindurch blühenden Abteien und Stiften zu Anfang dieses Jahrhunderts eine grosse Zahl von bauprächtigen Klosterumgängen zerstört worden sind, so haben sich dennoch vornehmlich in den Landen der ehemaligen drei geistlichen Kurfürstenthümer eine Anzahl von solchen Kreuzgängen sowohl romanischen als auch gotischen Stils erhalten, die einen Schluss ziehen lassen auf Anlage, Gestaltung und Bestimmung jener ähnlichen monumentalen Bauwerke, welche der Zerstörungs- und Neuerungssucht moderner „Stadt- und Landesverschönerer“ zu Anfang des aufgeklärten 19. Jahrhunderts zum Opfer gefallen sind.

Taf. V. Fig. 6
Innerer Lichthof der Kreuzgänge.

Im Allgemeinen kann gesagt werden, dass das Quadrum, was seine Ausdehnung und die Entwickelung seiner Architekturformen betrifft, gleichsam als Höhenmesser für das Ansehen, die Bedeutung und den Wohlstand der betreffenden Abtei oder des jedesmaligen Stiftes zu betrachten ist. Wendet man das eben Gesagte auf den Umfang und die architektonische Einrichtung der Kreuzgänge des Kyllburger Marienstifts an, so findet man sich zu dem Eingeständniss veranlasst, dass der Güterbesitz des oft gedachten Stiftes an der Kyll, auch noch in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts, nur ein mässiger gewesen sein muss. Deswegen begnügte man sich, auch im Hinblick auf den schlichten, einschiffigen Kirchenbau ohne Neben- und Kreuzschiffe, mit einem einfachen Quadrum, einem hallenförmigen Unterbau ohne den sonst üblichen Oberstock über den Wölbungen. Im Gegensatz zu den zweigeschossigen, grossartiger angelegten Kreuzgängen des ehemaligen Krönungsstiftes zu Aachen und der reichen Stiftskirchen St. Victor zu Xanten, St. Servatius und Liebfrauen zu Maestricht, die heute noch durch stattliche Oberbauten über der Wölbung der untern Hallen sich auszeichnen, entstand an der Südseite des Marienstiftes zu Kyllburg ein einstöckiger, offener Hallenbau als Quadrum, ähnlich wie an den heute noch erhaltenen Kreuzgängen der Minoritenkirche zu Köln, der ehemaligen Stiftskirche St. Severin ebendaselbst und der ehemaligen Stiftskirche zu Carden an der Mosel.

Taf. VI. Fig. 7
Innere Ansicht des Kreuzganges.

Das Kyllburger Quadrum bildet, wie auch seine lateinische Benennung es andeutet, in. seinen vier Gängen ein vollständiges Quadrat. Jeder der vier Flügel hat, im Lichten gemessen, eine Länge von 30 Meter, bei einer Breite von nur 3,50 Meter. Die Lichtenhöhe vom Fussboden bis zum Gewölbescheitel beträgt 4,60 Meter. Der innere Lichthof, den ältere Autoren anderwärts auch „impluvium“ oder „Paradiesgärtchen“ zu nennen pflegen, hat einen Flächeninhalt von 470,89 Quadratmeter. Jeder der vier Wandelgänge wird von je acht Kreuzgewölben überspannt. Mit diesen Gewölbkompartimenten korrespondiren auf jeder Seite des Lichthofes 7 grosse Spitzbogenfenster in einer Höhe von 2,85 Meter bei einer grössten Breite von 1,85 Meter, welche von je zwei profilirten Steinsprossen jedesmal in drei Felder getheilt werden. In den Bekrönungen dieser Fensterstäbe zeigt sich keine Abwechselung der gothischen Maasswerkformen (vgl. Abbildung auf Tafel V, Fig. 6): in allen 28 Fensterstellungen kehrt dasselbe Couronnement wieder, nämlich je eine Vierpassrose, welche jedesmal drei Spitzbogenstellungen überragt. Die Spitzen dieser Vierpässe wie auch die sogenannten Nasen der drei Spitzbogen, die in den Fenstern durch je zwei Steinsprossen getragen werden, münden jedesmal in stark ausgeprägte Formen von fleurs de lis aus. Dieses immer wiederkehrende gothische Lilienornament ist als Hinweis auf „Unsere Liebe Frau“, die Patronin des Stiftes und der Kirche, zu betrachten. Um den Seitenschub der zusammenhängenden Kreuzgewölbe zum Lichthofe hin aufzufangen, sind, wie die Abbildung des Aeusseren der Kreuzgänge unter Fig. 6 zeigt, zwischen jeder Fensterstellung starke Widerlagspfeiler angebracht, die sieh nach oben verjüngen. Das tief profilirte Rippenwerk der Kreuzgewölbe ist birnförmig gestaltet und wird von runden Schlusssteinen abgeschlossen, die theils mit Pflanzen-, theils mit Thierbildungen verziert sind. Sowohl diese plastischen Ornamente an den vielen Schlusssteinen als auch an den Kapitellen über den Pfeilerbündeln, welche die Gewölbgurten der Kreuzgänge stützen und tragen,
Vgl. das Innere des östlichen Flügels auf Tafel VI, Figur 7

sind wegen der Härte des Rothsandsteines nur wenig ausgebildet und entwickelt. Sämmtliche Thier- und Pflanzen-Ornamente in dem Kreuzflügel, der sich au die Kirche zunächst anlehnt, sind alt und ursprünglich, da dieser Theil des Quadrum durch Zerstörungen im Innern am wenigsten gelitten hatte; dagegen sind die Kapitelle nebst Schlusssteinen in den übrigen Wandelgängen durch Kyllburger Steinmetzen theilweise nach älteren Motiven neu ergänzt worden. Diese ornamentalen Ergänzungen und Erneuerungen würden eine grössere Beweglichkeit und Frische und ein tieferes Stilverständniss der traditionellen Formbildungen verrathen, als dies jetzt der Fall ist, wenn von staatlicher Seite schon früher eine kunstgewerbliche Fachschule in Kyllburg für die zahlreich im Kyllthale blühenden Steinmetzgewerkschaften errichtet worden wäre, die von vielen dortigen Industriellen heute noch immer vergeblich ersehnt wird.

Schon oben wurde angedeutet, dass für die Bewohner des Stiftsberges zwei Eingangsthüren zu den Kreuzgängen führen und zwar je eine von der Ost- und der Westseite. Durch diese Thüröffnungen können die Anwohner zu dem Paradiesgärtchen, dem innern Lichthofe, gelangen, der bei dem gänzlichen Fehlen des Quellwassers auf dem 80 Meter hohen Stiftsberge im Mittelalter und auch heute noch den nöthigen Wasserbedarf in einer geräumigen unterirdischen Cisterne ansammelte. Dieses gemauerte Wasserbassin befindet sich grade in der Mitte des Lichthofes und ist heute mit einer einfachen Pumpe versehen. Der Stiftsgeistlichkeit standen ferner drei Thüreingänge offen, nämlich zwei Thüren zum Eintritt in den Chor und eine zweite in die Kirche, ferner auch eine dritte Thür zum Eingang in das Konventshaus. Die ältere, Hauptthüre, die von den Stiftsherren zum Eintritt zunächst in den Chor zur Verrichtung der kanonischen Tagszeiten, von den Kreuzgängen aus, benutzt wurde, ist in unserer Grundrisszeichnung unter E angedeutet. Diese reicher im Spitzbogen verzierte Thüre am Choreingang ist leider heute ganz vermauert und durch einen Altarbau der Renaissance fast vollständig verdeckt; der zweite Thüreingang eröffnete ebenfalls den Stiftsbewohnern den Eintritt in den unteren, Jüngern Ausbau des Kirchenschiffes. Die dritte Thüre mit drei ausgerundeten Treppenstufen diente der Geistlichkeit zunächst zum Eintritt in den östlichen Flügel der Kreuzgänge, direkt von den Konventsgebäulichkeiten aus; so gelangte man auf dem kürzesten Wege durch den Kreuzgang zum Eintritt in den Stiftschor vermittels der jetzt vermauerten Treppe. Das Vorfinden von 5 Eingangsthüren, welche sowohl von aussen den Eintritt in das Quadrum als auch, von demselben aus, den Zugang zum Chor, zur Kirche und zum Kapitelhaus vermittelten, dürfte zum Beweise dienen, dass ehemals unsere Kreuzgänge sowohl zu kirchlichen, wie auch zu profanen Zwecken stark benutzt, wurden ; auch das Paradiesgärtchen oder „impluvium“ wird sich zweifelsohne ehemals einer besonderen Gebrauchnahme und Pflege zu erfreuen gehabt haben. Heute sieht dieses Gärtchen, was Anlage und Pflege betrifft, nicht eben paradiesisch ans, wie auch die schönen Kreuzgänge seither wenig benutzt werden. Und doch eignen sich dieselben vortrefflich zur Abhaltung von theophorischen Prozessionen am Frohnleichnamstag und am Kirchweihfeste; auch bei Wallfahrten und Bittgängen und in der Charwoche würden dieselben kirchlich wieder zweckmässig in Gebrauch zu nehmen sein. Bei Gelegenheit der kürzlich erfolgten trefflichen Wiederherstellung des Quadrums hat man in geeigneter Weise darauf Bedacht genommen, die kahlen Wandflächen des südlichen Flügels mit einer grösseren Zahl von figuralisch reich skulptirten Epitaphien längst verstorbenen Kapitulare des Stiftes zu bekleiden und diese Denksteine so vor weiteren Beschädigungen zu schützen. Dringend wäre es zu wünschen, dass bei der bevorstehenden stilgemässen Bemalung der Kirche auch jene plastisch verzierten Leichensteine, die heute noch unter den Kirchenbänken verborgen liegen und fortwährender Beschädigung ausgesetzt sind, an den Wänden der leeren anderen Flügel des Kreuzganges passende Aufstellung fänden. Auch die historisch merkwürdigen alten Epitaphien, die noch in diesem Jahrhundert höchst unzweckmässig an die südliche Wandfläche der Kirche angelehnt worden sind, verdienen eine ehrenvolle Aufstellung und Aufbewahrung in einem der Flügel der Kreuzgänge. In diesen figuralen Leichensteinen ist ein gutes Theil der Geschichte des alten Kyllburger Stiftes enthalten; bald dürften auch die Zeiten kommen, wo diese vielen hochmerkwürdigen Epitaphien von kundiger Hand abgezeichnet und zugleich mit den Inschriften der Oeffentlichkeit übergeben werden, wie dies bereits in der nahen ehemaligen Stiftskirche von St. Thomas eingeleitet worden ist.

Leave A Response

You must be logged in to post a comment.