Kulturgeschichtlich wertvolle Grabmale alt-eifler Adelsgeschlechter in der Kyllburger Stiftskirche

Mai 29, 2011 No Comments »
Jahr: um 1950
Quelle: Pfarrarchiv
Autor: Josef Brück

Die ehrwürdige Kyllburger Stiftskirche birgt eine Fülle von Grabsteinen des Mittelalters und der Renaissance, von denen der weitaus größere Teil sich unter den Kirchenbänken zu beiden Seiten des Langschiffes befindet, der nun – infolge eines als Schutzbedeckung angelegten Holzfußbodens – nicht mehr eingesehen werden kann. Es ist aus mancherlei Gründen sehr bedauerlich, dass diese heraldisch und geschichtlich wertvollen Grabmale vor Anlegen dieser Bodenbekleidung nicht aufgezeichnet oder katalogisiert worden sind. Noch sinnvoller wäre es gewesen, wenn eine Anregung hätte verwirklicht werden können, die der Aachener Domherr Dr. Franz Bock diesbezüglich in seiner Denkschrift „Kyllburg und seine kirchlichen Bauwerke des Mittelalters“ schriftlich vermerkt hat: hiernach sollten bei den nächsten inneren Wiederherstellungsarbeiten die an der südlichen Kirchenwand aufgestellten, sowie die unter den Sitz- und Kniebänken des Langschiffes sich befindlichen reliefierten Epitaphen in den drei noch leeren Flügeln des Kreuzganges einen vor Beschädigungen geschützten und ihnen zukommenden Ehrenplatz erhalten. Besondere Berücksichtigung vor allen anderen Epitaphen der Renaissance verdiene jener grosse Leichenstein, der an der rechten Seite des Chores aufgestellt ist.

Wenden wir nun unsere Aufmerksamkeit diesem Grabdenkmal aus grauem Sandstein zu, einem Kunstwerk von hohem Rang und seltener Art: in einer halbkreisförmig abgeschlossenen und von zwei Pilastern umrahmten Nische kniet ein Ritter in voller, reich ornamentierter Rüstung in betender Haltung. Rechts und links von dem beinahe in Lebensgröße dargestellten Edelmann hängen je 4 namentlich gekennzeichnete Ahnenwappen an den. Pfeilern herab. Oben zur rechten sehen wir das Wappen von Schonenberg und zur Linken das Wappen derer von Kickenich. Unter Schönberg folgen: von der Leyen, Dürkem, Wiltz, und links unten Nickenich: Bourscheid, Waltpoet (zu Ulmen) und Krueff (Kröv) – mit dem Dauner Gitter. Dicht über dem Antlitz des noch jungen Edelmannes, der mit porträthafter Beseeltheit in Richtung Ost zum Hochaltar hinüberblickt, schwebt ein Engelchen hervor, gerade noch so weit sichtbar, als es mit ausgebreiteten Ärmchen ein wuchtiges Schriftband zu stützen vermag, dessen Breite sich von Rand zu Rand der Grabplatte erstreckt. Hier lesen wir nun:
ANNO 1540 DEN 17. SEPTEMBRIS IST VERSTORBEN DER EDEL UND ERENVEST JOHAN VON SCHONENBURCH HER ZU HARTELSTEIN UND ULM DEM GOT GNADICH UND BARMHERZIG SEIN WYL IN EWIGKEIT AMEN.

Noch ist mit diesem Identitätsnachweis die Würde dieses edlen und ehrenfesten Ritters Johann von Schonenburgh nicht erschöpfend charakteriniert:
Im Gegensatz zu der reich skulptierten Wappenzier des Pfeilerpaares tritt ein feines Detail in den Hintergrund, das die erhabenste Auszeichnung für einen Ritter der damaligen Zeit verkörpert. Es befindet sich nämlich „auf der Kniebank ein Wappenschildchen mit drei Tatzenkreuzen“. Diese Feststellung von Wackenroder ist jedoch rein oberflächlicher Art und daher irreführend. Ein scharfsinniger Beobachter wird in diesem Signum den kniend Dargestellten als ein Miglied des „Ordens vom Goldenen Vlies“ erkennen!

Die Außergewöhnlichkeit dieses Emblems auf einer Grabplatte der Kyllburger Stiftskirche gibt Veranlassung, auf die Bedeutung dieses Ordens etwas näher einzugehen. Wir lesen hierüber im „Meyer-Lexikon“ unter „Goldenes Vlies“:
Der Orden vom Goldenen Vlies (ordre de la toison d’or, Aurem Vellus, Toisonorden), österreich. und span. Orden, wurde von Philipp dem Guten, Herzog von Burgund, 10. Jan. 1429, dem Tag seiner Vermählung mit Isabella von Spanien zu Brugge, „zum Lob und Ruhm des Erlösers, der Jungfrau Maria und des heil. Andreas wie zum Schutz und zur Förderung des christlichen Glaubens und der heiligen Kirche, zur Tugend und Vermehrung guter Sitte gestiftet.“

Die Benennung des Ordens beruht wahrscheinlich darauf, daß Philipp damit auf den Kreuzzug nach Syrien, den er vorhatte, als auf einen neuen Argonautenzug hat hindeuten wollen. Die Stiftungsurkunde datiert aus Rethel (bei Reims) vom Januar 1451; die ersten Statuten erschienen in 66 Kapiteln zu Lille, 27. November 1454, denen Im Haag 1456 noch 21 hinzugefügt wurden. Von Anfang an war es Bedingung der Aufnahme, von altem, unbescholtenen Adel zusein und hervorragende Dienste geleistet zu haben. In den ersten zwei Jahrhunderten wurde der Orden, der stets nur eine Klasse hatte, nur an Fürsten und Edelleute von höchstem Rang (!) verliehen. Das Ordenskapitel, das aus sämtlichen Rittern bestand wurde anfangs jährlich, später alle drei Jahre sich versammeln sollte, zuletzt aber nur, wenn der Ordensmeister berief, zusammenkam, ernannte die Ritter durch absolute Stimmenmehrheit. In den Kapiteln wurde strenge Censur über alle Ritter geübt, Strafen und Verweise erteilt. Die Ritter hielten fest zusammen, jede Unbill war der Gesamtheit geschehen, für gefangene Ritter mußte das Lösegeld aufgebracht werden. 1559 wart das letzte Kapitel abgehalten. Philipp der Zweite hatte von Papst Gregor XII die Erlaubnis erhalten, die Ritter selbst zu benennen. Damit wurde der Orden ein anderer, und die Zahl der Ritter (bislang 31) war von da an unbestimmt… Alle Rundschreiben, wurden nur in französischer Sprache erlassen. Im ganzen wurden seit der Gründung, also von 1429 bis 1871 975 Vliese verliehen. Das Ordenszeichen ist ein goldenes Widderfell, das an einem blau emaillierten, flammenspeienden Feuerstein hängt. Dieses Zeichen wird an Feiertagen an einer aus Feuerstählen und flammenspeienden Feuersteinen (dem Emblem Burgunds) bestehenden Kette, sonst an rotem Band getragen… Der Tag des Ordensfestes ist in Wien der St. Andreastag oder der darauf folgende Sonntag. Am Dreikönigstag ist in der Hofkirche Toisonamt. (Infolge der Vermählung Marias von Burgund mit dem Erzherzog Maximilian von Österreich ging die Großmeisterstelle des Ordens nach den Statuten an das Habsburger Haus über). Der Orden hat einen Kanzler, einen Schatzmeister, Greffier und Wappenkönig.

Über die kostbare Ordenskleidung mag sich der Leser selbst orientieren, die Beschreibung derselben muß aus Gründen der Raumbeschränkung unterbleiben.

Auf die Symbolik der einzelnen Wappenbilder kann hier nicht näher eingegangen werden. Nur soviel sei hierüber gesagt, daß diese sogenannten Heroldsfiguren zu den ältesten und hervorragendsten Ehrenzeichen der Heraldik gehören. Jedes einzelne Wappen gibt Kunde von ruhmvollen Ahnen und ihren ritterlichen Tugenden, von Tapferkeit und Frömmigkeit, von Zucht, sittlicher Würde und Gerechtigkeit. Jedes einzelne Wappen war ein Leitbild der. Erziehung für die nachrückende Generation.

Allzu deutlich spricht die solcherart hochgezüchtete und kultivierte Grundhaltung aus dem Porträt des adeligen Kriegers und Edelfreien Johann von Schönenburg, dem Ritter des Ordens vom Goldenen Vlies. Diese zur damaligen Zeit außerordentlich seltene und persönliche Dekoration sollte noch überstrahlt werden von einem anderen Dekor, der dem ganzen Geschlecht zur höchsten Zierde und zu unvergänglichem Ruhm gereichen sollte. Nach zuverlässigen Angaben, die Lehrer Jakob Meyer, Trier, den dortigen Archiven entnommen hat, entstammen der Ehe Johanns von Schöneberg mit Elisabeth von Weyer-Nickenich 10 Kinder und 2 Enkelkinder, von denen 8 hier namhaft gemacht werden:

  • Hugo: Oberchorbischof in Trier, 29. XII 1572. Er starb 16.9.1581. An einem der Türme von Hof Diesburg b. Ruwer war das Wappen Hugos angebracht.
    (Der Hof Diesburg gehörte den Schönbergs). Begraben in der Laurentiuskirche Trier. Schönes Grabmal mit Wappen.
  • Georg Fürstbischof zu Worms seit 1580; er starb 11.VII 1595. (Sein Grabmal im Dom zu Mainz).
  • Joachim: Herr zu Hartelstein und Ulmen, Amtmann zu Schönecken 1540; 1540 war er verheiratet mit Clara von Braunsburg.
    Er hatte mehrere Kinder, darunter Gothard, Amtmann zu Bernkastel, und Hugo Augustin, Amtmann zu Schönecken, Schönberg, Prüm.
  • Wilhelm: Domdechant zu Worms, gest. 1571.
  • Johann Kurfürst von Trier, geb. 1525. Domprobst 1570, Kurfürst ab 1581, gest. 1599.
  • Daniel: Deutsch. Ordensritter.
  • Anna: verh. mit Philipp Kratz von Scharfenstein.

Die mit Philipp Kratz von Scharfenstein verheiratete Tochter Anna von Schonenburg war die Mutter des Domdechanten Hugo Cratz von Scharfenstein, später Domprobst, ebenfalls in Trier, Laurentiuskirche, beigesetzt. Als Domdechant und Amtsherr von Kyllburg musste er sich der luxemburgischen Übergriffe auf sein Amt Kyllburg erwehren. So erwähnt K. Föst ein Schreiben des Kurfürsten Lotharius von Metternich an den Domdechanten und Amtsherrn von Kyllburg vom Jahre 1620 wegen dieser Übergriffe. Ein Fenstersturz des Souterrains der Volksschule Kyllburg ist mit dem von Cratz von Scharfenstein’schen Familienwappen geziert und trägt die Initialen: H C V S. (Die Schule wurde nach Abbruch des alten Burg-Palas an dessen Stelle errichtet).

Außer dem eingangs beschriebenen Grabmal birgt die Stiftskirche noch drei weitere Epitaphien von Mitgliedern des Hauses von Schonenburg. So befindet sich in unmittelbarer Nähe der Kanzel u.a. ebenfalls ein Renaissancegrabstein, der einen Herrn von Schonenburg zeigt. Unter einer Muschelnische steht die Figur dieses Ritters in voller Uniform. Da diese Grabplatte ursprünglich in den Erdboden eingelassen war, ist sie stark abgetreten, so daß die Beschriftung fast erloschen ist; die Wappen jedoch sind noch gut zu erkennen: oben rechts Schonenburg und links Weyer-Nickenich, unten rechts von der Leyen und links Bourscheid.

Nur wenige Schritte hiervon entfernt, begegnen wir einer in den Flurgang der Kirche eingelassenen Grabplatte, die demzufolge ebenfalls stark abgetreten ist. Deren Mittelfeld zeigt auf einem Rundschild von ca. 65 cm Ø das „Große Wappen“ von Schonenberg, oben rechts drei Kreuze auf einem kleinen Schild und links Brohl-Braunsberg, unten rechts Nickenich und links Dalberg. Auf dem Schriftrand lesen wir dann noch (abgehackt) folgende Inschrift:
„Gestreng Sti Eligii Hugo Augustein von Schöneburgh Her zu Hartelstein un Ulm Cr. TR RA und Amptmann zu Schone, Schunbergh D. GOTT GNAD A.“

In der ornamentalen Gestaltung ist dieser Grabstein vollauf identisch mit dem noch gut erhaltenen an der Südwand des Kreuzgangs, der dem Bruder Hugo Augustins, GODTHARDT von Schonenburg, gewidmet ist. Das an der Oberkante des Epitaphs beginnende Spruchband lautet:
„ANO 1599 DEN II JANUARII IST VERSTORBEN DER WOLEDEL UND GESTRENG GODTHARDT V SCHONENBURG SON ZU HARTELSTEIN U ULMEN C?MRI TRIER RATH UND AMPTMAN V DAUN COCHE UND ULMEN JOACH V SCHOB UND CLARN VON BRAUS-BERG EHL JUGS SON GOT? +. Mittlerweile konnten wir feststellen, welch hervorragenden Platz der im besten Mannesalter verstorbene und im Chor der Stiftskirche zur letzten Ruhe gebettete Edelmann Johann von Schonenburg in der Ahnenreihe seines Geschlechts einnimmt.

Im Hinblick auf diese Grabstätte konnte es nicht ausbleiben, daß sein Sohn, der Erzbischof und Kurfürst Johann VII von Trier, ein besonders inniges Verhältnis zur Stiftskirche Unserer Lieben Frau gefunden hat, was naturnotwendig eine engere persönliche Bindung an die Stadt Kyllburg im Gefolge hatte. Diese zweiseitige Verbundenheit findet in der Symbolik des Kyllburger Wappensteins beredten Ausdruck dadurch, daß der Erzbischof sein Wappen mit dem alten Wappenbild des alten Stadtsiegels vereinigte.

An der Nordwand im Chorraum befindet sich der Grabstein des im Jahre 1540 verstorbenen Johann von Schönenburg, Herr zu Hartelstein und Ulmen. Die Inschrift auf dem Spruchband lautet:
ANNO 1540 DEN 17. SEPTEMBRIS IST VERSTORBEN DER EDEL UND EHRENFEST JOHAN VON SCHÖNENBURGH HER ZU HARTELSTEIN UND ULM DEM GOT GNÄDICH UND BARMHERZIG SEIN WYL IN EWIGKEIT AMEN

Grabstein des Johann von Brandscheid (vielleicht der im Jahre 1341 bei Goerz, Reg. Erzb. S.83 genannte). Die Inschrift ist zum Teil verstümmelt. Sie lautet:
MILES DE BRANRSCHIT JO(ANNES) NOBILIL(IS) HIC REQUIESCIT MORBIUS … IN KILBURG ET OBIDI HUIUS SI (EI)US SPES SIBI VIDET … QUI … ET M DUOBIS X DAGS IBI MORTEM AMEN

Grabstein des im Jahre 1537 verstorbenen Johannes Vianden. Die als Flachrelief gearbeitete Figur steht, einen Rosenkranz in den betend erhobenen Händen, unter einem einfachen Rundbogen. Der Stein ist stark abgetreten, die noch lesbaren Teile der Inschrift lauten:
… OBIIT HONEST(US) VIR JOHANNES VIANDEN …

Renaissancegrabstein eines von Schönenburg, dargestellt in voller Rüstung. Die unter einer Muschelnische stehende Figur ist ganz glatt getreten.

Grabstein des im Jahre 1411 verstorbenen Johannes von Brandscheid. Die oben links beginnende Inschrift lautet:
ANNO DOMINI MILLESIMO CCCC UNIECTIMO IPSA DIE BEATORUM ARTIRUM CRISPINI ET CRISPIANI OBIIT STRENUUS MILES DNS JOHANNES DE BRANTSCHEIT. ANIMA EIUS REQUIESCAT IN SANCTA PACE. AMEN.

Grabstein des im Jahre 1438 verstorbenen Konrad von Brandscheid. Die Umschrift lautet:
ANNO DOMINI M CCCC XXX OCTAVO … KILBURG O(BIIT) MI(LES) D(IGNUS) CONRADZNS D(E) BRANDSCHEID CUIUS ANIMA REQUIESCAT IN PACE AMEN.

Grabmal eines Herrn von Wilsecker, 14. Jahrhundert. Er wurde in der Mitte schräg durchgemeißelt um die Kanzeltreppe einzupassen. Der noch lesbare Teil der Inschrift lautet:
ANNO DNI MCCC … CONO DE WILSAECKER MILES ANIMA EIUs REQUISCAT …

Grabstein des Gotthard von Schönenburg. Die Inschrift lautet:
ANNO 1599 DEN 11 JANUARII IST VERSTORBEN DER VOLEDEL UND GESTRENG GODTHARST V SCHONENBURG SON ZU HARTELSTEIN U ULMEN C.MRI TRIER RATH UND AMPTMAN V DAUN COCHE UND ULMEN JOACH V SCHOB UND CLARN VON BRAUSBERG EHL JUGS SON GOT.+

Grabstein des Hugo Augustin von Schönenburg, bisher durch einen Beichtstuhl verdeckt und teilweise abgetreten. Die Inschrift lautet:
… GETSRENG STI ELICII HUGO AUGUSTEIN VON SCHÖNENBURG HER ZU HARTELSTEIN UND ULM CR.TR. RAT UND AMPTMANN ZU SCHÖNE, SCHUNBRSH U HILLESHEM D. GOTT GNAD A.

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