V. Das ehemalige Kapitelhaus

Juni 2, 2011 No Comments »
V. Das ehemalige Kapitelhaus

Von den ehemaligen Stiftsgebäulichkeiten hat sich das Kapitelhaus heute nur noch in seinen äusseren Umfangmauern erhalten. Besonders bieten die Ost- und Südseite dieses alten Konventsgebäudes, die hier auf Tafel VIII und IX bildlich wiedergegeben sind, der Kunst- und Alterthumswissenschaft schon deswegen ein erhöhtes Interesse, weil unseres Wissens diese alten Kyllburger Stiftswohnungen, fast einzig in ihrer Art im westlichen Deutschland, sich aus jenen Tagen erhalten haben, als noch theilweise eine vita communis von den Kanonikern verschiedener niederrheinischen Stifter, aus Rücksichten der Oekonomie, beibehalten und fortgeführt wurde. Da noch im 14. und 15. Jahrhundert die Zahl der Kyllburger Stiftsherren mit Einschluss des Scholasters und des Dechanten eine geringe war, so dürfte vielleicht die Annahme Beifall finden, dass in der angegebenen Zeit noch nicht der Bau der verschiedenen Einzelwohnungen – Curien – stattfand, vielmehr die abgebildeten Stiftsgebäulichkeiten als gemeinsame Wohnung der Kanoniker so lange benutzt wurden, bis erst im 16. Jahrhundert, bei dem Wachsen der Stiftsrevenüen, man zum Baue der einzelnen Stiftscurien zu schreiten in der Lage war. Dieselben sind heute theilweise noch vorhanden. Für diese letzte Annahme spricht auch der grosse Umfang der alterthümlichen Konventswohnung und die Anlage der beiden hohen Kamine, die weit über die Bedachung hinausragen. Der eben gedachten Annahme zufolge könnte man alsdann zu der Annahme, sich berechtigt sehen, dass in den unteren Räumen zu ebener Erde sich Vorrathskammern und die Küche, desgleichen auch der „Remter“, der gemeinsame Speisesaal – refectorium, – sich befunden habe, wohingegen in den oberen Räumen die Wohn- und Schlafgemächer – dormitorium, „Demeter“, – ihre Stelle hatten. Leider ist es dem Unverstand und dem Eigennutz Einzelner zuzuschreiben, dass die ausgedehnten oberen Räumlichkeiten, wo sich nach der vorhergehenden Annahme ehemals der grosse „Demeter“ vielleicht auch mit der Wohnung des Dechanten befand, heute gänzlich kahl und öde sind; nur noch zwei Kamine deuten an, dass früher hier ausgedehnte Wohnräume bestanden haben. Wie uns mitgetheilt wurde, soll in dem oberen Raum über dem Erdgeschoss sich noch ein kleines, heute nur schwer zugängliches Gemach befinden, das auf weissen Wandflächen spätgothische (?) Pflanzen-Ornamente erkennen lässt, abwechselnd mit Wappenschildern (?). Wenn auch das obere Geschoss heute fast ganz ausgeleert ist, so haben sich in dem unteren Stock zur ebenen Erde noch einige Grundmauern und Wohngelasse erhalten, die aus der Stiftszeit herrühren dürften. Dahin ist zu rechnen jener quadratisch abgetheilte Raum (Grundriss unter q), der heute als kleinere Sakristei dient und der in den Tagen des Stiftes wahrscheinlich zu andern Zwecken benutzt wurde. Unmittelbar neben der heutigen Sakristei ersieht man jenen kapellenförmigen Raum (Lit. D des Grundrisses), der vielleicht erst im vorigen Jahrhundert als Sakristei eingerichtet worden ist. Die architektonisch reiche Anlage (vgl. Fig. 8) des Inneren scheint jedoch der Annahme das Wort zu reden, dass dieser zierlich gewölbte Raum, dessen vier Kreuzgewölbe von einer mittleren Säule gestützt und getragen werden, ursprünglich als Kapelle kirchlich in Gebrauch war und wahrscheinlich bei kalter Winterzeit vorübergehend zur Abhaltung des Chordienstes benutzt worden ist. Dafür scheint auch der alte Altarstein zu sprechen, der sich in der Fensternische (bei a des Grundrisses) befindet, welcher vorspringt und auf drei Kragsteinen heute noch mit den liturgisch vorgeschriebenen Consecrations-Kreuzen versehen ist.

Taf. VII. Fig. 8
Innenansicht der früheren Kapelle, der heutigen grossen Sakristei.

Zur linken Seite, unmittelbar neben dem Altar in der Fensternische, hat sich auch die primitive Piscine (unter Lit. L des Grundrisses), von einem Spitzbogen überwölbt, noch erhalten, die zur Handwaschung beim Offertorium und vor und nach der h. Messe diente, zugleich auch zur Aufstellung der Messkännchen bestimmt war. Dass diese Kapelle, wie vorhin bemerkt, erst seit dem vorigen Jahrhundert als Sakristei benutzt worden ist, geht auch daraus hervor, dass das reich gegliederte Rippenwerk, welches die Kreuzgurten der Gewölbe trägt, an vier verschiedenen Stellen in unverzeihlicher Weise ausgehauen und zerstört worden war, damit, an der so abgeglätteten Wandfläche vorbei, kolossal grosse Ankleide- und Gewandschränke in den Formen des abgelebten Zopfstils bequem Platz finden konnten. Durch diese mächtig grossen Schränke, die in jüngsten Zeiten nur dazu dienten, ausser Gebrauch gekommene Utensilien aufzubewahren, wurde der schöne Kapellenraum ohne Noth allzusehr entstellt und verdeckt. Erst durch die Mittel des im Sommer 1894 gegründeten Liebfrauenvereins konnten diese verdeckenden Geschränke entfernt und alsdann durch einen geübten Kyllburger Steinmetzmeister das fehlende Rippenwerk in einer Weise an sämmtlichen Stellen so wieder eingesetzt und ergänzt werden, dass die früheren Zerstörungen und Zerstückelungen an diesen wesentlichen Architekturtheilen heute kaum noch bemerkbar sind. Als ein weiteres Verdienst ist es dem Liebfrauen-Verein Kyllburgs anzurechnen, dass an der Westwand der in Rede stellenden Kapelle ein Thüreinlass eröffnet (vgl. Grundriss unter b) und in dem dahinter befindlichen leeren Zwischenraum eine bequeme Treppe eingelegt worden ist, vermittelst welcher man in den seither vollständig unbenutzten Raum über der Wölbung der jetzigen Vorsakristei und der ehemaligen Kapelle, gelangen kann. Diese grosse Räumlichkeit soll in Stiftszeiten als Bücherei gedient haben. Vom Innern der Kirche erstieg man auf einer an der südlichen Kirchenwand heute noch ausgekragten Steintreppe (vgl. O im Grundriss) diesen ausgedehnten oberen Raum. Auch dieser Saalbau über der Wölbung der Kapelle ist, wie es scheint, noch in den vierziger Jahren vollständig ausgeräumt und unwohnbar gemacht worden, so zwar, dass weder Spuren der Decke noch selbst, des Bretterbodens mehr zu ersehen waren: nur der offene Thüreinlass an der südlichen Wand, der ehemals in den Demeter führte, und das in seiner Steineinfassung quadratisch veränderte Fenster (vgl. Taf. VIII, Lit. B) bestand noch. Da es bis zum Sommer des Jahres 1894 an einem durchaus trockenen Raume zur Aufbewahrung der vielen, meist werthvollen und alterthümlichen Paramente und kirchlichen Gebrauchsgegenstände fehlte, die seither in der ziemlich feuchten unteren Kapelle nur ein nothdürftiges Unterkommen gefunden hatten, so muss es als ein glückliches Unternehmen bezeichnet werden, dass man mit den Erträgnissen des Liebfrauen-Vereins diesen oberen Raum, gleichsam als Kleinodienkammer, zur durchaus trockenen Aufbewahrung der Paramente und der sonstigen Kirchenzier
Im Mittelalter führten solche Schatz- und Gewandkammern häufig die Bezeichnung: gazophylacia, zu deutsch auch: Tress- oder Gerkammern.
zweckmässig hergestellt, und zuerst am 15. August 1894 bei der 1. General-Versammlung des oft gedachten Restaurations-Vereins eröffnet und wieder in Gebrauch genommen hat. Dass der Anbau der früheren Kapelle mit der alten Bücherei über der Wölbung derselben viel später als der Chorbau nebst Langschiff, wahrscheinlich erst in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts erfolgt ist, dafür dient heute noch zum Beweise das ziemlich erhaltene Sprossenwerk des ersten grossen Fensters an der Südseite des Kirchenschiffes (Tafel X, Fig. 11), welches ursprünglich offen war, aber durch den neuen Anbau verdeckt und theilweise zugemauert worden ist. Diese Vermauerung ist noch deutlich auf der jetzigen neuhergestellten Gerkammer zu erkennen. Noch sei bemerkt, dass unter dem Kapitelshause und theilweise auch unter dem daranstossenden ältesten Flügel des Kreuzganges sich ausgedehnte Keller mit festen Tonnengewölben befinden. Dieselben werden heute nicht mehr benutzt und könnten sich vielleicht vortheilhaft im Interesse der inneren Wiederherstellung der Kirche vermiethen lassen.

Taf. VIII. Fig. 9
Ostfassade der ehemaligen Kapitelswohnungen.

Da der Liebfrauen-Verein die umfangreiche Wiederherstellung des Innern der Kirche und zugleich auch die stilvolle Bemalung derselben thatkräftig in die Hand genommen hat, so dürfte es wohl keinem Zweifel unterliegen, dass der hohe Provinzial-Landtag, in Anerkennung der opferwilligen Leistungen der Kyllburger Pfarrgemeinde, auch die Mittel zur Wiederherstellung der baulich hochinteressanten Stiftsgebäulichkeiten entgegenkommend bewilligen werde, zumal ja auch die Kreuzgänge, die mit diesen alten Stiftswohnungen in unmittelbarer Verbindung stehen und gleichsam als integrirende Theile der letzteren zu betrachten sind, durch die Zuwendungen der Landstände der Rheinprovinz vor gänzlichem Zerfall gerettet worden sind. Für den Architekten, der mit den Restaurationsarbeiten dieser ältesten gothischen Curien Kyllburgs betraut werden wird, durfte es keine leichte Aufgabe sein, das Innere des jetzt vollständig ausgeleerten Stiftsgebäudes, im Hinblick auf verschiedene noch vorhandene Grund- und Zwischenmauern, so wieder herzustellen, wie ursprünglich die inneren Wohnräume eingetheilt und beschaffen waren. In unserm Grundriss unter Lit. c, x, y sind noch Grundmauern zur ebenen Erde angedeutet, die auf ihre Ursprünglichkeit näher untersucht werden müssen. Eine nicht leichte Aufgabe hat derselbe Architekt auch bei gründlicher Wiederherstellung der Süd- und Ostfronte der alterthümlichen Stiftswohnungen zu lösen, zumal die letztere durch die Unbilden der Jahrhunderte arge Veränderungen und Zerstörungen erlitten hat. Glücklicher Weise haben sich trotz mannigfacher Verwüstungen und Verbalhornisirungen der letzten Jahrhunderte noch schätzbare Ueberreste an der ausgedehnten östlichen Façade erhalten, die einem stilkundigen Architekten Anhaltspunkte an die Hand geben werden, um die ihm gestellte Aufgabe zur Zufriedenheit der Fachmänner und Alterthumskundigen lösen zu können. In welchen baulichen Unstand besonders die Ostfronte der früheren Wohnung der Stiftsherren heute gerathen ist, zeigt die Abbildung derselben unter Figur 11, die zugleich auch den Chorabschluss und den Anbau der südlichen Nebenkapelle zwischen Chor und Langschiff deutlich erkennen lässt. Architekt C. Walter aus Trier hat es nach vorläufigen Studien mit Glück versucht, in einer grösseren Aufrisszeichnung die Ostfronte. die in verkleinertem Maassstabe unter Figur 9 veranschaulicht ist, so wiederherzustellen, wie sie einestheils ursprünglich beschaffen gewesen sein dürfte und wie sie anderntheils dem heutigen praktischen Gebrauche entspräche. Zur Erläuterung dieser skizzirten Vorlage für eine eventuelle bauliche Wiederherstellung der langgestreckten Ostfronte sei hier ergänzend hinzugefügt, dass das zweitheilige Fenster unter Lit. A auf Figur 9 der vorhin besprochenen Kapelle, der heutigen Vorsakristei (Grundriss im Anhang unter Lit. D), das nöthige Licht, zuführt und in seiner Form und Anlage sich als ursprünglich erweist. Das unmittelbar darüber befindliche Fenster unter Lit. B. hatte zweifelsohne jene primitive Form und Beschaffenheit, wie die darunter befindliche Fensterstellung unter Lit. A; um jedoch der ehemaligen Bücherei mehr Licht und Luft zuzuführen, scheint erst in einem der beiden letzten Jahrhunderte das unförmlich grosse Fenster im Viereck (Fig. 11) nachträglich eingesetzt worden zu sein. Sowohl die Thür, die von aussen her zur heutigen Sakristei führt, als auch das unmittelbar anstossende Fenster (Fig. 11) sind offenbar jüngeren Datums. Da sie an dieser Stelle unmöglich heute in Wegfall kommen dürfen, hat der Architekt in unserer Aufrisszeichnung dieselben mit den übrigen gegebenen Architekturformen stilistisch in Einklang zu setzen gewusst. Auch die Thüre, bezeichnet mit Lit. E des eventuellen Wiederherstellungsplanes unter Fig. 9 ist als eine Hinzufügung zu betrachten, um in das untere Stockwerk zu gelangen, in welchem, nach unserer Vermuthung, sich ehemals das Refektorium des Stiftes, der „Remter“ befunden habe. Ob die beiden Fenster, bezeichnet, auf Taf. VIII. mit F und G, hier ursprünglich und in dieser Gestaltung zu erkennen waren, soll nicht weiter untersucht werden, zumal an dem projektirten Fenster unter G sich Ueberreste, von Spitzbogen mit, gothischem Nasenwerk befinden, die auf eine andere Lösung hinzudeuten scheinen. Glücklicher Weise haben sich in dem weit ausgedehnten oberen Geschoss, wo man vielleicht die ehemaligen Wohnräume des Dechanten und das dormitorium der Stiftsherrn, den „Demeter“ zu suchen hat, noch deutlich die Ueberreste zweier Doppelfenster erhalten, die in unserem Restaurationsplan auf Tafel VIII unter Lit. K und H, mit entsprechender Verlängerung genau wiedergegeben worden sind. Bei Fig. 11, welche die Ostfronte in ihrer heutigen Entstellung und Zerstörung nach photographischer Aufnahme veranschaulicht, zeigen sich neben dem Schornstein offenbar später eingefügte grosse Fensterlaibungen, die heute vermauert sind. An Stelle dieses grossen Durchbruchs hat der Architekt die Fensterstellung unter J bei Figur 9 ergänzend hinzugefügt, die durchaus mit dem gleich zur Seite befindlichen primitiven Fenster unter II übereinstimmt. Ungeachtet gewaltsamer Veränderung, die unsere Fassade nach Verlauf von mehr als 400 Jahren erlitten hat, ist der über die Bedachung hinausragende hohe Schornstein ziemlich unverletzt geblichen, wie die Abbildung unter L zeigt, dank der unverwüstlichen Quadersteine von rothem Kyllburger Sandstein, aus welchem derselbe, sowie auch die ganze Ostfronte, errichtet ist, Architekt C. Walter, dessen freundlichem Entgegenkommen die provisorischen Restaurationsentwürfe auf Tafel VIII und IX desgleichen auch die Anfertigung des Grundrisses im Anhang zu danken sind, war nicht, in der Lage, vor Anfertigung der Zeichnungen im Innern sowie an mehreren Stellen der Ost- und Südfassade Aufbrechungen und eingreifende bauliche Untersuchungen vornehmen zu lassen, im Falle derselbe mit der Anfertigung der Wiederherstellungs-Entwürfe betraut werden wird, dürften, was Anordnung, Form der Fenster und Thüreingänge betrifft, noch einzelne Abänderungen sich ergeben.

Taf. IX. Fig. 10
Südfronte des Kapitelhauses

Das zuletzt Bemerkte muss auch betreffs der inneren Einrichtung und zugleich auch mit Bezug auf Anbringung und Form der Fenster an der schmalen Südfronte des Kapitelhauses hervorgehoben werden, die bei Fig. 10 wiedergegeben ist. Wie an mehreren mittelalterlichen Wohnhäusern Triers tritt an dieser Kopfseite abermals ein Rauchfang nach aussen hin stark hervor. Nach trier’schen Vorbildern ist derselbe nur auf zwei stark profilirten Konsolen herausgekragt, über welchen sich ein Spitzbogen wölbt, der jedoch nicht mit gothischen Maasswerkformen verziert ist. Die Giebelspitze dieser Südfronte wird durch ein kräftig profilirtes Dachgesims in Haustein abgeschlossen und mündet auf der Spitze mit einer Kreuzblume aus.

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